Kanzlei-KI-Radar – September 2026
Kanzlei-KI-Radar – September 2026
KI-Einordnung für Rechts- und Steuerberatung · Von Sascha Merczak · Stand: September 2026
Einmal im Monat ordnen wir Entwicklungen rund um KI danach ein, was sie für Rechtsanwalts- und Steuerkanzleien bedeuten und was Sie jetzt tun können. Jede Aussage ist mit der Quelle verlinkt.
E-Rechnung ab Januar 2027: Was Kanzleien jetzt mit ihren Mandanten klären sollten
Was passiert: Ab dem 1. Januar 2027 müssen Unternehmen mit mehr als 800.000 € Vorjahresumsatz E-Rechnungen ausstellen. Ab dem 1. Januar 2028 gilt das für alle Unternehmen. Empfangen können müssen inländische Unternehmen E-Rechnungen schon seit dem 1. Januar 2025.
Was es für Kanzleien bedeutet: Bis zum Stichtag bleiben gut drei Monate. Ein PDF per E-Mail reicht dann nicht mehr, gefordert sind strukturierte Formate wie XRechnung oder ZUGFeRD. Steuerkanzleien werden das in den nächsten Wochen oft von Mandanten gefragt. Für Kanzleien, deren eigener Vorjahresumsatz über 800.000 € liegt, gilt die Pflicht auch bei der eigenen Abrechnung.
Was Sie jetzt tun können: Klären Sie, welche Mandanten über der Grenze liegen und ob deren Buchhaltung diese Formate erzeugen kann. Prüfen Sie auch Ihre eigene Kanzlei- und Abrechnungssoftware. Unser E-Rechnung-Check zeigt in sechs Fragen, wo ein Betrieb steht (eigenes Angebot). Diese Einordnung ersetzt keine Steuerberatung im Einzelfall.
Quelle: Bundesfinanzministerium, Fragen und Antworten zur E-Rechnung
Erfundene Fundstellen: KI-Zitate vor dem Versand prüfen
Was passiert: Eine NJW-Kolumne vom 18. September 2026 greift ein wachsendes Problem auf: Generative KI erfindet juristische Fundstellen. Eine internationale Datenbank erfasst dazu gut 2.000 Gerichtsentscheidungen weltweit, elf davon aus Deutschland (Stand Anfang September 2026). In Kalifornien schreibt ein neues Gesetz (SB 574) vor, dass Anwälte alle Fundstellen selbst prüfen, keine vertraulichen Mandatsdaten in öffentliche Systeme eingeben und den KI-Einsatz gegenüber dem Gericht offenlegen.
Was es für Kanzleien bedeutet: Die Verantwortung für den Schriftsatz bleibt bei der Kanzlei, egal wie er entstanden ist. Ein einziges erfundenes Zitat kann das Verfahren und den Ruf der Kanzlei beschädigen. Das gilt für Schriftsätze von Rechtsanwälten ebenso wie für Einsprüche und Klagen von Steuerberatern.
Was Sie jetzt tun können: Legen Sie fest, dass jede KI-gestützte Fundstelle vor dem Versand an der Originalquelle geprüft wird, zum Beispiel mit einer kurzen Checkliste oder im Vier-Augen-Prinzip. Halten Sie in einer internen KI-Richtlinie fest, welche Daten in welche Systeme eingegeben werden dürfen. Diese Einordnung ersetzt keine Rechtsberatung.
Quelle: beck-aktuell, NJW-Kolumne „B-Note“ vom 18.09.2026
Mandatsgeheimnis: DAV kritisiert geplante Nachrichtendienstreform
Was passiert: Der Deutsche Anwaltverein kritisiert am 24. September 2026 die geplanten Änderungen am BND-Gesetz und an den Verfassungsschutzgesetzen. Nach seiner Einschätzung könnte damit typische Mandatstätigkeit erfasst werden, ohne dass die Anwältin oder der Anwalt selbst an einer Straftat beteiligt sein muss. Kritisiert wird auch der Einsatz von Staatstrojanern gegen Berufsträger. Der DAV fordert einen absoluten Schutz anwaltlicher Kommunikation nach § 160a Abs. 1 StPO, eine Benachrichtigungspflicht und ein Verwertungsverbot.
Was es für Kanzleien bedeutet: Das Gesetzgebungsverfahren läuft noch. Unabhängig vom Ausgang zeigt die Debatte, wie wichtig es ist zu wissen, wo Mandantendaten verarbeitet werden. Das gilt auch für KI-Dienste, über die Schriftsätze, E-Mails oder Akten laufen.
Was Sie jetzt tun können: Das Verfahren beobachten. Für jeden KI-Dienst in der Kanzlei festhalten, wo die Daten verarbeitet werden und welche vertraglichen Zusagen der Anbieter dazu macht. Diese Einordnung ersetzt keine Rechtsberatung.
Quelle: Deutscher Anwaltverein, Pressemitteilung vom 24.09.2026
Sprachassistenten mit Handlungsbefugnis brauchen eine Freigabe
Was passiert: Forscher der Zhejiang University zeigen, dass sich unhörbare Befehle in Audio verstecken lassen, zum Beispiel in Musik oder in einem Videocall. Getestet wurden 13 Audio-Sprachmodelle mit durchschnittlichen Erfolgsquoten von 79 bis 96 %. Auch Sprachagenten von Mistral AI und Microsoft Azure führten so unerlaubte Aktionen aus, etwa Suchen oder Datei-Downloads. Die Studie erscheint auf dem IEEE Symposium on Security and Privacy 2026.
Was es für Kanzleien bedeutet: Klassische Sprachassistenten ohne Handlungsbefugnis wurden nicht getestet. Gefährdet sind Assistenten, die selbst Mails senden, Dateien laden oder im Netz suchen dürfen. Wer solche Assistenten in der Kanzlei einsetzt, etwa für Telefon oder Diktat, sollte das Risiko kennen.
Was Sie jetzt tun können: Bevor ein Sprachassistent Aktionen ausführen darf, sollten vier Fragen geklärt sein: Wer darf Befehle geben? Welche Aktionen brauchen eine Bestätigung? Auf welche Daten hat der Assistent Zugriff? Welche Prüfung läuft vor der Ausführung?
Quelle: Chen et al., Hijacking Large Audio-Language Models via Context-Agnostic and Imperceptible Auditory Prompt Injection, arXiv:2604.14604 · Code und Material
Aus der Praxis: Erst filtern, dann KI
Was passiert: Immer öfter lautet die Idee: „Wir lassen einfach eine KI über alle unsere Daten laufen.“ Bei großen Aktenbeständen ist das teuer und langsam.
Was es für Kanzleien bedeutet: Zuerst sortiert ein einfacher, regelbasierter Schritt aus, was sicher nicht relevant ist, etwa nach Dateityp, Datum, Absender oder Suchbegriff. Erst der Rest geht an das Sprachmodell. Das senkt Kosten und Laufzeit, und weniger Mandantendaten gehen überhaupt an ein Sprachmodell. Das hilft bei der Durchsicht umfangreicher Mandantenakten, bei Datenräumen für eine Due Diligence oder bei der Triage des Kanzleipostfachs.
Was Sie jetzt tun können: Fragen Sie bei jedem KI-Vorhaben mit großen Datenmengen zuerst, was sich vorher ohne KI herausfiltern lässt. Mehr dazu auf unserer Seite für Kanzleien.
Quelle: Eigene fachliche Einordnung von AYE Digital.
Die nächste Ausgabe erscheint im Oktober 2026.
Entwürfe mit KI-Unterstützung erstellt, geprüft und freigegeben von Sascha Merczak.
